#www.duthel.info #bookstagram Neurowissenschaftler im Interview: “Wiederholende Tätigkeiten sind unmenschlich”

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                                    22.11.2020, 13:00 Uhr




                                    Gerade keine Zeit? Jetzt speichern und später lesen

Der Neurowissenschaftler Henning Beck sieht Unternehmen, die eine Spaßkultur fördern, auf einem schmalen Grat – zwischen Antrieb und Ablenkung. Für mehr Freude an der Arbeit müssten zunächst einmal monotone Aufgaben automatisiert werden.

Feierlaune in der Kernarbeitszeit und am Wochenende schon wieder Lust aufs Büro. Was sich in den 90er-Jahren zum Mantra der New Economy entwickelte – harte Arbeit, dafür mit Spaß und unter Freunden – wird heute zunehmend kritisch hinterfragt. Wann reizt die Tätigkeit an sich und nicht nur das Umfeld? Neurowissenschaftler Henning Beck klärt im Interview auf.

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t3n: Herr Beck, was kann aus neurophysio­logischer Perspektive schiefgehen, wenn Unternehmen versuchen, die Arbeit spaßiger zu gestalten?

Henning Beck: Studien zeigen, dass Spaß eher vom Wesentlichen ablenkt. Zum Beispiel bei Erklärvideos, die irgendwo einen Witz einbauen, merken sich die Leute am Ende den Witz – nicht aber den eigentlichen Inhalt.

t3n: Ist Spaß bei der Arbeit also kontraproduktiv?

Nein, er ist sogar ausschlaggebend für das Lernen und damit die Verbesserung im Job. Man muss aber gut aufpassen, wodurch genau man den Spaß steigert. Einen langweiligen Inhalt durch einen Witz aufzupeppen, geht am Ziel vorbei. Genauso scheitern oft Belohnungs­systeme bei der Arbeit: Unternehmen lassen zwischendurch Spiele spielen, dann geht es zurück an die ernsthafte Aufgabe. Das ist zu kurz gegriffen, weil der Spaß aus dem Spiel kommt, nicht aus der tatsächlichen Tätigkeit. Irgendwann konzentrieren sich Mitarbeiter nur noch darauf, die Belohnung zu erhalten, statt ihre Leistung im Job zu verbessern oder auf neue Lösungen zu kommen. Das ist der sogenannte „Undermining Effect“.

t3n: Wie sehen dagegen wirklich reizvolle ­Aufgaben aus?

Damit wir Spaß an einer Tätigkeit haben, braucht es die Abwechslung: eine neue Herausforderung oder ein etwas veränderter Rahmen. Das können Projekte mit anderen Kollegen sein, aber auch Gespräche mit Kunden, die auch immer unterschiedlich verlaufen. Auf gute Ideen kommen meistens die Menschen, die sich immer wieder Veränderungen aussetzen und mit Interesse und Humor ihre eigenen Ansichten hinterfragen. So wird Spaß zur Grundlage für Innovation und Fortschritt. Nur Monotonie ist der Killer für eine positive, emotional belohnende und freudvolle Arbeitsatmosphäre.

„Spaß ist niemals von Dauer, sondern nutzt sich mit der Zeit ab.“

t3n: Aber Monotonie lässt sich doch nicht ganz vermeiden. Irgendwann langweilen wir uns zwangsläufig. Warum ist das so?

Die Neurophysiologie legt fest, dass Spaß niemals von Dauer ist, sondern sich mit der Zeit abnutzt. Denn Spaß spüren wir immer erst dann, wenn das Level an Dopamin, das ausgeschüttet wird, das aktuelle übersteigt. Der Unterschied ist entscheidend. Die Signale geben die Nervenzellen im Gehirn. Diese gleichen jeweils die Realität mit der Erwartung an die Situation ab – und wenn die besser ausfällt als erwartet, bekommen wir über diesen zusätzlichen Schub an Dopamin ein Glücksgefühl, einen positiven Rausch.

t3n: Ständige Abwechslung ist in vielen Jobs höchstens Wunschdenken, oft sind genau die repetitiven Aufgaben die Realität.

Deshalb wird es Zeit, dass Unternehmen die wiederholenden Tätigkeiten automatisieren, denn die sind unmenschlich. Dafür entwickelt man maschinell lernende Systeme und künstliche Intelligenz.

Und bis dahin sollten die Aufgaben zumindest zwischen verschiedenen Personen rotieren.

t3n: Wie lässt sich Monotonie noch ­bekämpfen?

Ich sehe die Arbeit in Kleingruppen als wichtigen Schritt. Denn Spaß, gute Laune und vor allem Lachen entsteht meistens, wenn man mit anderen Menschen zusammenarbeitet. Es gibt zum Beispiel gute ­Erfahrungen in Unternehmen, Projekte nicht nur mit Experten zu besetzen, ­sondern fachfremde Mitarbeiter aus ­anderen Abteilungen dazuzuholen: Leute naive Fragen stellen zu lassen, führt in ­einem wertschätzenden Arbeitsumfeld nicht nur zu überraschenden Erkenntnissen, sondern auch zu einer stärkeren Verbundenheit im Unternehmen. Weil alle Beteiligten ­erleben, dass ihre Meinung gefragt ist.

t3n: Klappt das genauso gut in virtuellen Teams?

        Nein, über den Bildschirm begegnen wir uns ja nicht nur anders, sondern das Gehirn kann auch gelernte Inhalte und Erfahrungen weniger gut behalten, wenn die physische Komponente fehlt. Zumindest für den Auftakt zu neuen Projekten oder Fortbildungen braucht es deshalb ein ­physisches Treffen – mit analogen Notizen auf Post-its oder Flipcharts. Denn das ­Gehirn verknüpft Gelerntes mit den Orten, an denen wir gelernt haben. Das liegt daran, dass die Hirnregionen, die unser Gedächtnis organisieren, auch die sind, die mentale Landkarten anlegen. Nach dem physischen Auftakt lassen sich Ergänzungen auch digital nachschieben.





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